DAS BILDUNGSSYSTEM LITAUENS

 

DAS BILDUNGSSYSTEM LITAUENS - Eine kurze Einführung


DAS BILDUNGSSYSTEM LITAUENS - Eine kurze Einführung

 

STRUKTUR


Das Bildungssystem Litauens wird auf 7 Stufen implementiert, die mit den Stufen gemäß der ISCED-Klassifizierung vergleichbar sind. Die Bildungseinrichtungen sind staatlich oder nichtstaatlich (d.h. von den Gemeinden, privat oder anders organisiert). Gemäß der litauischen Verfassung ist der Schulbesuch bis zum Alter von 16 Jahren verpflichtend (ISCED-Levels 1 und 2).

STUFE 1 (ISCED-Level 1):Primarbereich (Pflichtschulausbildung)
Der Primarbereich umfasst Bildungsgänge in Volksschulen (Grundschulen), so genannten „Kindergartenschulen“ und anderen Schulen (auf Grundlage desselben Curriculums, jeweils mit einer Dauer von vier Jahren). Gemäß dem Bildungs­gesetz treten die Kinder in jenem Kalenderjahr in die erste Klasse der Primarstufe ein, in dem sie das siebte Lebensjahr erreichen. Auf Ansuchen ihrer Eltern können Kinder bereits vor dem angegebenen Zeitpunkt Bildungseinrichtungen im Primarbereich unter der Voraussetzung besuchen, dass sie die dafür notwendige Reife aufweisen. Bildungsgänge im  Primarbereich zielen darauf ab, den SchülerIn­nen die Grundlagen der moralischen, kulturellen und sozialen Reife sowie die grundlegenden Kulturtechniken zu vermitteln. Im Primarbereich werden die Leistungen nicht benotet. Dafür besprechen die Lehrenden mindestens zwei bis drei Mal pro Jahr die Lernfortschritte mit den Lernenden selbst oder deren Eltern.

STUFE 2 (ISCED-Level 2): Grundausbildung (Pflichtschulausbildung)
Die Grundausbildung zielt darauf ab, den SchülerInnen die Grundlagen der moralischen, soziokulturellen und zivil­gesellschaft­lichen Reife, allgemeine Lese-, Schreib- und Rechen­fertigkeiten und technische Grundkenntnisse zu vermitteln sowie ihre weitere Lernbereitschaft zu fördern usw.
Die Dauer dieser Bildungsgänge beträgt sechs Jahre (von der 5. bis zur 10. Schulstufe), wobei verschiedene Schultypen besucht werden können.  Die Hauptschulen, Sekundarschulen und Gymna­sien, wo den Lernenden eine Grundaus­bildung angeboten wird, weisen dasselbe Curriculum auf. Der Lehrplan auf der Stufe der Grundausbildung besteht aus zwei Bildungszyklen: Zyklus I (Unterstufe) umfasst die Schulstufen 5‑8 und Zyklus II (Oberstufe) die Schulstufen 9-10. Die Schulstufen 5-8 und 9-10 können jeweils an Haupt- oder Sekundarschulen oder Gymnasien absolviert werden. Daneben bestehen so genannte „Schulen für Jugendliche“ (mit besonderen Bedürfnissen), die sich an jene 12- bis 16-Jährige richten, welche sich an das Lernen an den oben genannten Schulen aufgrund fehlender Motivation nicht anpassen können oder denen aufgrund ihres sozialen Hintergrunds keine andere Einrichtung offen steht. Diese vermitteln eine Grund­aus­bildung und berufsvorbereitenden Unterricht von der 6. bis zur 10. Schulstufe.

Berufsausbildung
Alternativ dazu können die 9. und 10. Schulstufe an Berufsschulen absolviert werden (Sekundarstufe I). Auf ISCED-Level 2 bieten die Berufsschulen die Curricula für den Abschnitt 1 der beruflichen Grund­bildung. Jene Lernenden, die sich für die dreijährige Aus­bildung entscheiden, erhalten in diesem Ab­schnitt eine Grundausbildung sowie eine Qualifika­tion. Alle, die sich für die zweijährige Ausbildung entscheiden, erhalten nach Abschluss eine berufliche Qualifikation.

Neben der Möglichkeit, die Berufsausbildung auf den Schulstufen 9 und 10 der Grundausbildung zu absolvieren, werden Abschlüsse auch auf den ISCED-Levels 3 oder 4 angeboten. Die SchülerInnen können ihre Berufsausbildung wahl­weise an der Berufsschule, Abschnitt 1 (Schulstufen 9, 10, ISCED 2), an der Berufsschule, Abschnitt 2 (ISCED 3), an der Berufsschule, Abschnitt 3 (ISCED 3), oder an der Berufsschule, Abschnitt 4 (ISCED 4), absolvieren. Diese vier Abschnitte werden als Alternativen angeboten und unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Zugangsvoraussetzungen (siehe Grafik).

STUFE 3 (ISCED-Level 3): Sekundarbereich II
Die Sekundarbildung wird 16- bzw. 17-jährigen SchülerInnen angeboten, die über einen Abschluss auf der Stufe der Grundausbildung verfügen. Die Sekundarbildung wird nach zwei Jahren erfolg­reichen Schulbesuchs an einer Sekundarschule bzw. eines Gymnasiums auf der 11. und 12. Schul­stufe, Berufsschule oder einer anderen Bildungs­einrichtung abgeschlossen. Die angehenden AbsolventInnen müssen in vier Gegenständen Prüfungen ablegen, um die Matura (Abitur) zu erhalten (Abschlussprüfungen): Dies sind „Litauisch“ als Pflichtgegenstand und drei Wahlgegenstände. Die Aufgabe des Curriculums des Sekundar­bereichs besteht darin, die Lernenden beim Erwerb allgemein bildender, soziokultureller und technischer Fertigkeiten, der moralischen, nationalen und zivilgesellschaftlichen Reife sowie (im Fall der Berufsschulen) der Grund­lagen der berufs­fachlichen Kompetenzen und/oder Qualifikation zu unterstützen. Schwerpunkte auf der Stufe der Sekundar­bildung sind die Geistes­wissenschaften, die Naturwissenschaften, Technik und Kunst. Das Curriculum besteht aus Pflicht- und Wahlfächern.
An den Berufsschulen können sich die Lernenden zwischen dem Curriculum für Abschnitt II der beruflichen Grundbildung und jenem für Abschnitt III entscheiden. Im ersten Fall besuchen sie Bildungsgänge mit einer Dauer von zwei Jahren, die mit einer beruflichen Qualifikation abgeschlossen werden. Das dreijährige Curriculum für Abschnitt III wird mit einer Qualifikation für den Sekundarbereich und einer beruflichen Qualifikation abgeschlossen.

STUFE 4 (ISCED-Level 4): Postsekundäre, nicht tertiäre Bildung an Berufsschulen
Die berufsbezogene Ausbildung auf postsekundärer Ebene richtet sich an AbsolventInnen der Sekundarschulen, die eine berufliche Qualifikation erwerben wollen. Das Einstiegsalter liegt bei 18-19 Jahren, das Abschlussalter bei 20-21. Die Dauer der Bildungsgänge richtet sich nach dem Schwierigkeitsgrad des angestrebten Berufs und liegt zwischen einem und zwei Jahren.

STUFE 5 (ISCED-Level 5): Tertiäre Studien an „Technika“
Die Aufgabe der tertiären Studien besteht darin, die Lernenden dabei zu unterstützen, eine post­sekundäre Bildungsstufe zu absolvieren und eine spezielle Qualifikation zu erreichen.  Auf Grundlage des Bildungsgesetzes wurde die Auf­nahme von Studierenden in tertiäre Studiengänge an den Technika im Jahre 2003 eingestellt. Im Jahr 2000 wurde eine institutionelle Reform umgesetzt, in deren Rahmen die Qualität der „Technika“ evaluiert wurde. Jene Technika, die demnach den Ansprüchen für die Vermittlung von Curricula für nicht-universitäre Hochschulbildung gerecht wurden, wurden in Fachhochschulen umgewandelt. Jene aber, die bei der Evaluierung negative Ergebnisse erzielten oder sich nicht für die Evaluierung bewarben, wurden reorganisiert und in andere Einrichtungen umgewandelt (beispielsweise in Berufsschulen).

STUFE 6 (ISCED-Level 5): Tertiäre Studien an Universitäten und Fachhochschulen
Die Stufe der Hochschulbildung gliedert sich in zwei Bereiche: universitäre Studien an Universitäten und nicht-universitäre Bildung an Fachhochschulen. Andere gebräuchliche Begriffe für Universitäten sind Aka­demien, Seminare und höhere Bildungs­einrichtungen.
Nicht-universitäre Studien an Fachhochschulen: Die Fachhochschulen bieten Studiengänge für Jugendliche ab dem 19. Lebensjahr und für Erwachsene, die einen höheren praxisbezogenen nicht-universitären Bildungsgang absolvieren wollen. Nach 3 bis 4 Jahren (Teilzeit- bzw. Vollzeitstudium) erlangen die Studierenden eine berufliche Qualifikation. An den Fachhochschulen werden die Fachrichtungen Wirtschaft, Verwaltung, Kunst, Technik, Sprachen sowie andere Studienzweige angeboten, die auch an Univer­sitäten besucht werden können. Der Unterschied zwischen den beiden Bildungsinstitutionen besteht darin, dass die Programme an Fachhochschulen auf angewandter Forschung basieren, die Univer­sitäten dagegen auf wissenschaftlicher Forschung.
Universitäre Grundstudien haben eine Dauer von 3,5 bis 4,5 Jahren. Den AbsolventInnen wird der Grad des Bachelor und/oder eine berufliche Qualifikation verliehen.
Die Master-Studien sind für all jene zugänglich, die bereits den Bachelor-Abschluss erreicht haben. Die Dauer der Master-Studien beträgt drei bis vier Jahre. Den Absolventinnen der Master-Studien wird der Magistergrad verliehen.

Die Spezialisierungsstudien mit berufspraktischer Ausrichtung zielen darauf ab, die Studierenden besser auf Berufe vorzubereiten, die besondere praktische Kompetenzen erfordern, und richten sich an jene, die bereits ein universitäres Grundstudium erfolgreich abgeschlossen haben. Ihre Dauer beträgt 1 bis 1,5 Jahre. Den Absolventinnen der Spezialisierungsstudien mit berufspraktischer Ausrichtung wird eine berufliche Qualifikation verliehen.
Das Ausmaß der Studiengänge wird in Punkten gemessen. Dabei entspricht ein Punkt 40 relativen Arbeitsstunden der Studierenden (in Vorlesungen, Laborübungen usw.) oder einer Arbeitswoche.

STUFE 7 (ISCED-Level 6): Tertiäre Studien
Doktoratsstudien und postgraduale Kunststudien werden von universitären Einrichtungen und For­schungsinstituten angeboten. Das Ziel der Doktorats­studien liegt in der Erlangung wissen­schaftlicher Forschungsqualifikationen. Bei Ab­schluss des jeweiligen Studienganges müssen die Studierenden ihre Doktorarbeit präsentieren und verteidigen, sodann wird ihnen der Doktortitel verliehen. Die Dauer der Studien beträgt drei bis vier Jahre. Tertiäre Kunststudien dienen der Ausbildung von Lehrenden in künstlerischen Gegenständen an Hochschulen und ermöglichen die Spezialisierung von Künstlerinnen und Künstlern. Die Studierenden arbeiten zwei Jahre lang an einem künstlerischen Projekt. Dieses wird dann präsentiert und verteidigt, wonach ihnen die Qualifikation und der Grad „Lizentiat/Lizentiatin der Kunst“ verliehen wird.


Erwachsenenbildung
Erwachsene haben die Möglichkeit, Schulen für Er­wachsene oder Erwachsenenbildungszentren, Berufs­schulen, Fachhochschulen, Universitäten sowie Arbeitsmarktausbildungszentren gemäß formalen und nicht formalen Bildungsprogrammen zu besuchen, an Kursen teilzunehmen, die von priva­ten Unternehmen oder öffentlichen Ein­richtungen organisiert werden, oder sich an Fernunterrichtszentren einzuschreiben.

DIE VERWALTUNG DES BILDUNGSWESENS 
Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft ist für die Formulierung und Ausführung der nationalen Politik auf dem Gebiet der Bildung, Wissenschaft und Studien verantwortlich, es entwirft strategische Bildungspläne, Jahresprogramme, unterbreitet der Regierung Vorschläge und Beschlüsse, organisiert die Prüfungen im Rahmen der Matura (Abitur), genehmigt allgemeine Lehr-, Lern- und Studien­inhalte im Rahmen des formalen Bildungswesens so­wie Lehr-, Ausbildungs- und Studienpläne, nationale Standards für die erreichten Bildungsstufen (außer für Hochschulbildung), Standards für die Berufsbildung, Richtlinien für Studienbereiche in der Hochschulbildung, die auf Curricula anwendbaren Akkreditierungskriterien und -richtlinien usw.
Die Regierung auf Bezirksebene implementiert die nationale Bildungspolitik im jeweiligen Bezirk, genehmigt die strategischen Bildungspläne für den Bezirk, überwacht die Arbeit der untergeordneten Bildungsanbieter, baut ein Netzwerk von Sonder­schulen auf und sichert gemeinsam mit den kommunalen Einrichtungen den Unterricht für Lernende mit besonderen Bedürfnissen gemäß den Lehrplänen der Pflichtgegenstände und allgemein bildenden Fächer usw.
Die Gemeinden sind für die Ausführung der nationalen Bildungspolitik in den jeweiligen Gemeinden zuständig, sie genehmigen die strategischen Bildungspläne für die Gemeinden so­wie den allgemeinen Plan für die Umstrukturierung des Schulnetzwerks, bauen das Netzwerk der Vorschulen, Schulen im Elementar­bereich, Volks-, Haupt- und Sekundarschulen auf, stellen das für die Vermittlung der Pflicht­schul­ausbildung für Kinder erforderliche Umfeld sicher, leiten den Aufbau eines Netzwerks von Berufs- und Erwachsenenbildungs­anbietern entsprechend den Bedürfnissen der Bevölkerung ein, bilden unabhängig davon ein Netzwerk der nicht formalen Bildungsanbieter usw.
Der Schulgründer stellt die Ausführung der nationa­len Bildungspolitik und die Aus­führung der verschie­denen anwendbaren Ge­setze und anderen gesetz­ge­be­rischen Instrumente mit Relevanz für Schulaktivitäten usw. an den Schulen sicher. Im Regelfall kommt die Rolle des Gründers von Schulen für Allgemeinbildung (Volks-, Haupt-, Sekundarschulen, Schulen für Jugendliche und Gymnasien) den Gemeinden zu; jedoch können auch nicht-staatliche, konfessionelle Organisationen sowie Privatpersonen derartige Schulen gründen. Der Gründer von staatlich finanzierten Berufs­schulen und den oben angegebenen Schulen für Allgemeinbildung, die für Lernende aus dem ganzen Land zugänglich sind, ist das Ministerium für Bildung und Wissenschaft. Der Gründer der staatlich finanzierten Fachhochschulen ist die Regierung der Republik Litauen. Gründer der staatlichen Universitäten ist das Parlament (Seimas) der Republik Litauen.

Zahlen und Fakten über Litauen

Lage: Die Republik Litauen ist Teil Europas und liegt an der Ostküste der Ostsee. Nachbarstaaten Litauens sind die Russische Föderation, die Republik Weißrussland, die Republik Lettland und die Republik Polen.
Fläche: 65 300 km2.
Hauptstadt: Vilnius (Wilna).
Amtssprache: Litauisch; diese Sprache gehört zur Gruppe der indoeuropäischen Sprachen.
Bevölkerung: 3 440 000 EinwohnerInnen; 83,5 % Litauer; 6,7 % Polen, 6,3 % Russen, 1,2 % Weißrussen, 2,3 % andere.
Verwaltung: Das Staatsgebiet Litauens ist in zehn Bezirke unterteilt. Die Bezirke wiederum bestehen aus neun Städten und 51 regionalen Gemeinden.
 

 

 
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